04. Oktober 2020
Rudolf Renner zu einem aktuellen Thema:

Heimat(en) und Identität(en)


In diesen Tagen ist viel über die Vereinigung von Ost- und Westdeutschland vor 30 Jahren zu hören und zu sehen. Es wird vieles genannt, was geschafft wurde. Manchmal klingt auch an, wo es noch Baustellen gibt (wörtlich und übertragen). Aber wenn der Jahrestag vorbei ist, verschwindet das Thema wiede

Ich habe von 1990 bis 2015 in Sachsen gelebt und gearbeitet. Seit fünfeinhalb Jahren lebe und arbeite ich im Saarland und merke, das Ostdeutschland sehr weit weg ist. Das ist es natürlich schon von der Entfernung. Aber auch von der inneren Einstellung ist es weit weg; Beziehungen nach Frankreich sind da viel näher. Und doch verbindet uns das gemeinsame „Deutschsein“ – oder etwa nicht? Für mich macht es jedenfalls einen sehr großen Unterschied, ob ich zu meinen Söhnen oder zu Freundinnen und Freunden nach Dresden fahre oder ob ich in Frankreich unterwegs bin.

Aus diesen 25 Jahren habe ich die Erfahrung mitgenommen, dass mir „Heimat“ wichtig ist. Das ist ein missbrauchter, geschundener und problematischer Begriff, das ist mir vollkommen klar. Aber zugleich wird er mir immer wichtiger – wo komme ich her, wo fühle ich mich zuhause, wohin gehöre ich …

Und dann ist da ein zweiter Begriff: „Identität“ – was sind meine Eigenarten und Eigentümlichkeiten, was macht mich aus und macht mich einzigartig, woher habe ich meine Prägungen, und so weiter. In Sachsen habe ich erlebt, dass die gleiche Sprache noch längst nicht eine Gemeinschaft schafft, wenn die Lebensläufe so unterschiedlich sind. Vielen Menschen, die ich kenne, brach ihre Identität 1990 weg. Vertrautes verschwand und vieles musste komplett neu gelernt werden. Ich habe damals zwar in Sachsen gelebt-. Aber für mich waren es vertraute Strukturen, die seit dem 3. Oktober 1990 galten. Für viele Menschen bedeutete das aber eine sehr tiefgehende Umstellung. Ihre eigenen Erfahrungen galten nicht mehr viel.

In dieser Situation befanden sich auch die Kirchengemeinden. Aber da war noch etwas Anderes, das verband und eine Brücke schuf, wenn auch sonst so vieles verschieden war. Ein neueres Kirchenlied aus dem Evangelischen Gesangbuch drückt das so aus: „In Christus gilt nicht Ost noch West, es gilt nicht Süd noch Nord, denn Christus macht uns alle eins.“ Und in der 4. Strophe heißt es: „In Christus trifft sich Ost und West, es trifft sich Süd und Nord. Wir wissen uns in Christus eins, gegründet auf sein Wort.“

Damit sind nicht alle Schwierigkeiten wie von Zauberhand verschwunden. Und ich merke immer wieder, dass für ein richtiges Zusammenwachsen viel mehr nötig wäre (mindestens regelmäßige Begegnungen und Gespräche) als es zurzeit geschieht. Aber diese Brücke zwischen Christinnen und Christen in Osten und Westen ist doch schon mal ein tragender Grund. Es wäre schön, wenn trotz der Entfernung auch aus dem Saarland das Gespräch zwischen Gemeinden verstärkt würde. Wir würden dann unseren wichtigen Beitrag zum Zusammenwachsen leisten.





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