31. Oktober 2020
Christina Wochnik zu einem aktuellen Thema:

Gedanken zum Reformationstag


Immer, wenn ich an den Reformationstag denke, fallen mir vier Menschen ein: Pauline, Finn, Nils und Clara.

Sie waren die Hauptfiguren des Konficamps 2017 in Wittenberg, einem deutschlandweiten Begegnungstreffen für Konfirmandinnen und Konfirmanden anlässlich des Reformationsjubiläums. Mit Hilfe dieser vier ausgedachten Charaktere bekamen wichtige Aspekte unseres Glaubens und der Reformation plötzlich einen aktuellen Bezug zum Leben.

Da ist Pauline. Sie ist eine gute Schülerin. Aber dann schreibt sie eine Vier in Mathe und traut sich kaum nach Hause. Ihre Mutter wird sehr sauer und nennt Pauline eine echte Versagerin.

Dann ist da Finn. Er hat kaum Freunde. Ihm fällt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen, weil er schon mal schlimm enttäuscht worden ist. Er hat Angst, dass andere sich über ihn lustig machen.

Und da sind Nils und Clara. Sie erleben mit, wie ein Junge aus ihrer Clique sich über ein ausländisch aussehendes Kind lustig macht. Er geht sogar hin und ärgert es. Nils und Clara überlegen, ob sie eingreifen.

Identität, Vertrauen und verantwortungsbewusstes Handeln sind die Schlagwörter hinter diesen Geschichten.

Durch Pauline erfahren wir: In unserer Welt wird man schnell über seine Leistungen definiert. Noten bestimmen den Wert des Schülers genauso wie der Job, das Geld, das Aussehen oder ähnliches den Wert von Erwachsenen. Die Botschaft des Glaubens setzt dagegen: Niemand muss sich seinen Wert erarbeiten. Wir alle sind wertvoll. Wir sind Gottes Geschöpfe. Er liebt uns so, wie wir sind. Für seine Liebe müssen wir keine Leistung erbringen. Wir müssen unsere Existenz nicht aus uns heraus rechtfertigen. Ist das nicht wunderbar entlastend?

Finn steht für die grundsätzliche Angst des Menschen, niemandem wirklich zeigen zu können, wer man ist, was man denkt und fühlt, aus Sorge, die anderen könnten einen fallen lassen, verspotten, ausschließen.

Die Botschaft des Glaubens setzt dagegen: Gott kann ich absolut vertrauen. Er lässt mich niemals fallen. Ihm kann ich mich ganz öffnen. Er kennt mich ganz und liebt mich. Er ist mit gnädig. Darauf kann ich bauen.

Nils und Clara müssen sich die Frage stellen: Greife ich ein, wenn ich Unrecht sehe? Helfe ich anderen? Wo ist der Punkt, an dem Handeln nötig wird? Die Botschaft des Glaubens sagt eindeutig: Es kann keine innere Haltung des Christ-seins geben, ohne dass meine äußeren Handlungen dazu passen. Ich muss Entscheidungen treffen, die nicht immer einfach sind. Fragen tauchen auf wie: Traue ich mich das? Was sagen die anderen? Könnte ich Nachteile davon haben, wenn ich eingreife? Ist das wirklich schlimm, was da geschieht? Solche Fragen zu haben ist menschlich. Aber sie entbinden uns nicht von unserer Verantwortung. Zum Glauben gehört es auch dazu, seine Werte zu leben. Also: Im eigenen Leben so zu handeln, dass meine Liebe zu Gott, zu mir selbst und auch zu meinem Nächsten erkennbar wird.

Sie merken: Es ging also tatsächlich um Kernpunkte dessen, was den evangelischen Glauben ausmacht. Dinge, die das Leben heute betreffen. Mit Pauline, Finn, Nils und Clara können auch wir Erwachsenen erfahren, was unser Glaube für unseren Alltag bedeutet: Ich bin wertvoll. Ich kann Gott vertrauen. Glauben und Handeln gehören zusammen.

Das Reformationsfest ist mehr als bloße Erinnerung. Es geht um mein Leben. Jetzt und hier. Nicht nur am Reformationstag.

 

Christina Wochnik ist seit 2019 Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Ottweiler.


Pfarrerin Christina Wochnik
In der Etzwies 12
66564 Ottweiler
Telefon: 06824 / 7019039



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